Eindrücke von der DNWE-Jahrestagung
„Wirtschaftsethik und Religion“
Vom 19.-20. März 2010 fand im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn die Jahrestagung des Deutschen Netzwerks für Wirtschaftsethik (DNWE) statt. Das Thema der Tagung lautete „Religion: Störfaktor und Ressource in der Wirtschaft.“ Es nahmen rund 200 Teilnehmer an der Veranstaltung teil, grösstenteils Wissenschaftler und Studenten, Vertreter von NGOs und einige Unternehmer. In den nächsten Monaten wird ein Tagungsband zum Thema der Veranstaltung erscheinen.
Der Grundtenor der Veranstaltung lässt sich in zwei Richtungen zusammenfassen. Einerseits wurde im Schnittbereich von Religion und Ökonomie die Religion als „eine gestaltbare und produktive gesellschaftliche Ressource“ (André Habisch, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) gesehen, die dem Kapital diene. Der Begriff des „Spiritual Leadership“ kam an einigen Stellen als Tool oder Hilfe für das Management ins Gespräch. Die Gefahr dieser funktionalistischen Auffassung der Religion in der Wirtschaft sei allerdings, dass es auch zum „Religionsversagen“ (Habisch) kommen könne, das (in Analogie zum Marktversagen) z.B. in Form von Fundamentalismen oder das Wirtschaften einschränkenden Auswirkungen der Religion eine Gefahr darstellen könne. Die radikale Gegenposition dazu, geäussert von Emuds Bernhard (Hochschule St. Georgen) war, dass Religion „nur als Störfaktor der Wirtschaft dienlich sein“ könne. Dies bezog Bernhard insbesondere auf die mögliche korrigierende Wirkung der christlichen Sozialethik auf den Wirtschaftsprozess.
Dass die Religion eine Grösse ist, mit der in der Wirtschaft gerechnet wird, verdeutlicht eine kurz vorgestellte Forschung von Eugen Buß (Universität Hohenheim), nach der bei deutschen Top-Managern eine überdurchschnittlich hohe Religiosität vorliege: rund 70% der Befragten gaben an, religiös zu sein (davon rd. 55% protestantisch), nur 10% bezeichneten sich als Atheisten. Für Joachim Fetzer (FH Würzburg) werde damit „das Jenseits zur Kraft des Diesseits“.
Eine neuartige kirchliche Dienstleistung wurde von Joachim Drumm aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart vorgestellt. Unter dem Namen KIWI bietet die Katholische Kirche Unternehmensberatung an, die Arbeitgebern Orientierung in schwierigen Entscheidungs- und Handlungssituationen bieten könne. Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover wartet mit einem ähnlichen Angebot auf, welches Pfr. Ralf Reuter vorstellte. Die anfänglich in kleinem Maßstab betriebenen Seelsorge speziell für Unternehmer wurde in eine professionell gestaltete kircheneigene Firma namens „Spiritual Consulting“ ausgebaut. Die in der seelsorgerischen Arbeit gewonnen Erkenntnisse wären dabei „profiliert weitergeführt“ worden. Vorteil sei es, deutlich und unbequem in den Unternehmen Stellung beziehen und Überzeugungen vertreten zu können, da aufgrund der unabhängigen kirchlichen Finanzierung im Hintergrund ein möglicher Abbruch der Konsultationen keine wirtschaftlich problematischen Folgen hätte. Zudem sei die Moderation und die Friedensstiftung (auch zwischen mehreren Unternehmen) eine wichtige Aufgabe der kirchlichen Consulting-Agentur. Der Preis für die Beratungstätigkeit entspräche dem Branchen-Schnitt.
Den Abschluss der Tagung machte Hans Küng, der zusammen mit Klaus Leisinger (Novartis-Stiftung) und Josef Wieland (HTWG Konstanz) seine „Erklärung zu einem globalen Wirtschaftsethos vorstellte“, die im vergangenen Jahr als Zusatzprotokoll zum UN Global Compact aufgenommen wurde. Wieland bezeichnete das Projekt als Vorschlag für eine transkulturelle Tugendethik, die zur Bewältigung der Globalisierung notwendig wäre.
Die Veranstaltung bildete facettenreich das Thema Religion und Wirtschaft ab, wobei der Expertise der Ökonomie insgesamt im Vordergrund stand. Auf mögliche individualethische Implikationen der Religion auf den Wirtschaftsprozess wurde wenig eingegangen, eher stand die Kirche als Institution und der Glaube als Instrument der Unternehmensführung im Zentrum der Beachtung. Für eine Veranstaltung mit einem so speziellen Thema war die Tagung sehr gut besucht was zeigt, dass im Schnittbereich zwischen Religion und Wirtschaft sowohl wissenschaftliches wie auch unternehmerisches Potential liegt.
Lucas Zapf
Ausgewählte, auf der Tagung vorgestellte oder erwähnte Literatur:
- Barro, Robert J. / McCleary, Rachel (2003): Religion and Economic Growth. NBER Working Paper No. W9682, 05/2003. Abrufbar unter http://www.economics.harvard.edu/faculty/barro/files/Religion_and_Economic_Growth.pdf (Zum Thema Religion und wirtschaftliches Wachstum aus neoklassischer Perspektive und Religion als Quelle von wirtschaftsrelevanten Überzeugungen)
- Buß, Eugen (2008): Managementsoziologie: Grundlagen, Praxiskonzepte, Fallstudien. München, Oldenbourg. (Zur Rolle und Intensität des Glaubens bei Managern)
- Evangelischer Pressedienst (Hg.) (2008): Spiritualität und Management. Epd-Dokumentation 44-45/2008.
(Bild: © DNWE, Quelle: http://www.dnwe.de/jahrestagung-2010.html)